tschernobyl

Für morgen habe ich eine Tour nach Tschernobyl geplant mit Besuch des neuen Sarkophages und der Geisterstadt Prypjat. Seit vielen vielen Jahren beschäftige ich mich schon mit der Katastrophe und habe es bisher immer vor mich hingeschoben das einmal zu machen. Nun bin ich aber wahrlich kein Katastrophentourist und auch kein ultraurbaner Lostplace-Freak der den nächstgrößten Kick sucht. Stattdessen gehe ich an die Sache ran, wie ich es für richtig halte. Nämlich genau so wie ich zum Beispiel Orte wie Ausschwitz besuche. Ich betrachte Tschernobyl als Gedenkstätte und habe durchaus auch einen gewissen Respekt vor der Strahlung und mein Wirken vor Ort auf die Bevölkerung und die Arbeiter.

So gehe ich heute zu Fuß in eine andere Ecke von Kiew wo sich das nationale Tschernobyl-Museum befindet. Fast vier Stunden halte ich mich hier auf, höre mir den gesamten Audioguide durch, gucke ungläubig auf Hunderte Exponate und erfahre auch hier von vielen Schicksalen rund um Tschernobyl.Wie ich herausstapfe ist meine Vorfreude auf die morgige Tour irgendwie vergangen und zurück im Hotel lese ich nochmal ein Buch, das ich vor zehn Jahren schon einmal gelesen habe. „Die Chronik der Zukunft“ von Swetlana Alexijewitsch sollte unbedingt jeder lesen, der nach Tschernobyl Reisen möchte. Mir ist dadurch nämlich die Lust gänzlichst vergangen. Angesichts der Katastrophe und des unvorstellbaren, verbrecherischen Umgangs mit der Zivilbevölkerung in Weißrussland sowie der Ukraine überlege ich ernsthaft morgen einfach nicht in diesen blöden Bus zu steigen. Es ist entsetzlich welches Leid die Millionen von Betroffenen bis heute umgibt und wenn man bedenkt dass vor einigen Jahren in Fukushima die Verantwortlichen ähnlich verantwortungslos gehandelt und gelogen haben, täte man am liebsten kotzen.

Am Morgen laufe ich dann zum Treffpunkt und als sei da eine höhere Macht am Werk, können vier Personen der Gruppe nicht mit in die Sperrzone. Die Agentur hat bei allen vier Deutschen nämlich als Staatsangehörigkeit „United States“ angegeben. So sind unsere Permits für die Sperrzone ungültig und das Militär lässt uns nicht herein. Gestern noch hatte ich zwar „irgendwie keine Lust mehr darauf“, aber als mir jetzt eine kleine Last von den Schultern fällt, wird auch mir klar dass es wohl besser ist wenn ich nicht dort hinfahre. Die drei anderen sind natürlich heftig enttäuscht, zwei davon sind nur deshalb überhaupt in die Ukraine geflogen und die Dritte weint einfach nur. Die Veranstalter bietet uns sofort eine Gratis-Tour für in zwei Tagen an, wir bekommen unser bereits bezahltes Geld zurück und ich lehne dankend ab.
Da werde ich jetzt sicher einige Nächte darüber schlafen, nach wie vor bin ich glücklich über die Umstände – auch wenn ich schon seit so vielen Jahren da immer mal hinwollte. Sollte sich etwas daran ändern und ich vielleicht doch hinwollen sollte, so kenne ich ja nun den Weg und scheue ihn garantiert nicht. Was sind schon ein paar Kilometer?


2 Antworten auf „tschernobyl“


  1. 1 tomasz 09. Mai 2018 um 12:04 Uhr

    „Nun bin ich aber wahrlich kein Katastrophentourist und auch kein ultraurbaner Lostplace-Freak der den nächstgrößten Kick sucht. Stattdessen gehe ich an die Sache ran, wie ich es für richtig halte. Nämlich genau so wie ich zum Beispiel Orte wie Ausschwitz besuche. Ich betrachte Tschernobyl als Gedenkstätte und habe durchaus auch einen gewissen Respekt vor der Strahlung und mein Wirken vor Ort auf die Bevölkerung und die Arbeiter.“

    Top-Einstellung! Geil!
    Da ziehe ich meinen imaginären Hut!
    bg
    Tomasz aus Hannover

    P.S: werde demnächst selbst eine Tour von Kiew nach Tschernobyl machen…

  2. 2 Administrator 15. Mai 2018 um 11:04 Uhr

    Hey Tomasz, trotzdem viel Spaß und berichte wie es wahr! Jetzt im Frühling ists sicher schön dort!
    Grüße, Alex

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