inselflucht

Gestern Abend haben wir noch gemütlich gegessen und sind dann zeitig zu Bett, sodass wir nun frohen Mutes das Frühstücksbuffet plündern können und nochmal den Strand besuchen. Das Wetter ist nun nicht mehr gar so sommerlich und so wird es Zeit Rügen zu verlassen. Mit etwas frischen Sand in den Schuhen steigen wir in den Kadett und nehmen Kurs auf Berlin.
Vor den Toren Berlins habe ich ein Hotel gebucht. Ist etwas außerhalb und schön ländlich. Dort angekommen staune ich nicht schlecht. Das Hotel wirkt wie ein Lostplace.
Ich trete herein und treffe auf keine Menschenseele. Der Haupteingang ist verbarrikadiert und über den Hintereingang kommt man direkt zur Rezeption. Diese besteht aus dem Schlüsselbrett und einem Schreibtisch. Charmant ists definitiv, den offenliegenden Büchern zufolge war hier aber schon lange kein Gast mehr.
Immerhin könnten wir uns nun einfach einen Zimmerschlüssel schnappen und sind rundum versorgt. Strom und Wasser hat es schließlich. Frau J. aber zeigt sich weniger begeistert. Unter der angegebenen Rufnummer erreiche ich niemanden und auch im gegenüberliegenden Restaurant gibt es seit langem keine Pächter mehr. Also rufe ich den Dienstleister an wo ich gebucht habe und bekomme nach einer Stunde eine neue Pension in Spandau.

Eigentlich wollte ich noch zum Olympiadorf von 1936 – das hat aber geschlossen und öffnet seine Pforten nur nach Anmeldung. Wie immer in diesem Berlin. Also verkrümeln wir uns in der Pension, gehen noch zum Italiener und fallen anschließend zu Bett. Am Morgen gehen wir dann in so ein komisches Hipstercafé und gönnen uns die erste Mahlzeit des Tages um in Kürze dann Berlin schnell wieder zu verlassen. Etwas südlich von Berlin nämlich möchte ich mir noch etwas ansehen.

kdf-heim und mehr

Nun stehen wir in Prora am ehemaligen KdF-Wohnheim und möchten einen Blick darauf wagen. Von der auf fast 5km geplanten Urlaubsanlage sind heute noch rund 2,5km übrig – ein gigantischer Bau der damals 20.000 Menschen gleichzeitig Urlaub ermöglichen sollte. Die Nazis haben es wie so vieles jedoch nie zu Ende gebracht, denn der Krieg kam dazwischen. Im Laufe der Zeit diente der Bau dann als Lazarett und später den Sowjets sowie der Bundeswehr. Teile der Anlage wurden gesprengt, abgetragen und was nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion übrig blieb benutze das Militär noch für kurze Zeit. Anschließend stand alles leer und es zogen Vandalen, Diebe und die Natur durch die endlosscheinenden Gebäude. Der Verfall war trotz Denkmalschutz weit fortgeschritten und erst nach der Jahrtausendwende wurden Gebäude verkauft.

Seither wird fleißig gebaut und vieles scheint auch fertig, der Rest steht so vor sich hin und so vergehen sicher noch viele Jahre, bis zur Fertigstellung. Vermutlich sind die ersten Blöcke bis dahin dann wieder renovierungsbedürftig. Um ein wenig mehr Aufklärung zu bekommen, besuchen wir das Prora Dokumentationszentrum. Hier erfährt man einiges über die Planung der Anlage, die Nutzung und die Zukunft. Auch wird „Kraft durch Freude“ beleuchtet und vieles Drumherum. Ein kurzweiliger aber dennoch interessanter Besuch, aber mehr möchte ich nicht sehen. Sicher täte es mir Freude bereiten, die Anlage einmal zu umwandern, aber dazu fehlt mir jetzt definitiv die Lust.

Stattdessen fahren wir zum Ostseebad Binz, verzehren ein Fischbrötchen und wieseln über die Seebrücke und anschließend am Strand entlang zum Auto. Selbiges machen wir in Göhren, dort genießen wir den Sonnenuntergang und ich nehme das Museumsschiff Luise in Augenschein. Das liegt hier in nähe des Südstrandes kraftlos herum und ist teil eines kleines Freilichtmuseums. Eintritt muss man keinen bezahlen wenn das Kassenhäuschen unbesetzt ist und man einfach an den Absperrungen vorbeigeht.

rolling rügen

Ich habe mal von einem alten verlassenen Schloss auf Rügen gelesen – da möchte ich heute hin. Der Kadett liefert uns in der 25km entfernten Stadt ab und zu Fuß marschieren wir ein Stück durch den Wald. Es geht geschichtsträchtig zu, denn das gesamte Areal ist übersäht mit verlassenen Bauten.
Vom Schloss selbst ist leider nicht mehr viel übrig – die Sowjets haben es 1948 gesprengt. Was blieb sind Überreste der Pavillons, Kellerräume und nebenan der Marstall. Er blieb verschont und brannte dann vor 20 Jahren leider aus. Die Außenfassade blieb aber weitestgehend intakt und zeigt sich nun recht verwunschen durch das viele Grün.
Auch sonst gibt es hier im Wald einiges zu sehen. Etliche Fabrikhallen, Wohnhäuser und Bunker säumen das Gelände – alles steht leer und birgt einen ganz besonderen Zauber an der Steilküste zur Ostsee.

Dort krabbeln wir auch hinunter und flanieren etwas am Meer um anschließend wieder unser Auto aufzusuchen. Unterwegs treffen wir auf eine alte Greisin die trittsicher an der Küste herumklettert und Ostseeschätze sucht. Früher tat sie das zum Verkauf an Touristen und heute nur noch für die eigene Sammlung. Auch sonst hat sie viel zu erzählen – so schimpft sie über die Neonazis, lobt das Wetter und hat interessante Geschichten von ihrer Flucht nach Rügen parat. Von Ostpreußen kam sie nach Rügen und ich könnte Stunden ihren Geschichten lauschen.
Wir aber müssen irgendwann weiter und fahren zu einer etwas anderen Art Lostplace auf Rügen.

der lebensabend

Nachdem wir uns am reichhaltigen Frühstücksbuffet vollgeschlagen haben, meistern wir die Himmelsleiter an der Steilküste zur Ostsee. Sie überwindet rund 30 Höhenmeter und ist entsprechend steil – auf ihr gelangt man direkt zur Seebrücke von Sellin. Mit fast 400 Metern ist sie die längste Seebrücke Rügens und blickt zurück auf turbulente Zeiten. Brände und Packeis zerstörten die Seebrücke samt Restaurant immer wieder und erst 1992 wurde sie in ihrer heutigen Form wiederaufgebaut.

Wir watscheln einmal drüber und gehen dann zielstrebig an den Strand. Wir wollen ein wenig Rentnerurlaub und den bekommen wir auch – so laufen wir ein paar Stunden am Strand entlang und genießen das herrliche Wetter. Die Sonne scheint, befingert den Sand und es weht kaum ein Lüftchen – von wegen Herbst! Wir laufen bis zum Ostseebad Baabe und verwöhnen uns dort mit Glühwein und Kaffee. Der Rückweg steht uns schließlich noch bevor.

Zurück in Sellin schlendern wir durch die Wilhelmstraße mit ihren prächtigen Häusern aus der Ursprungszeit der Bäderarchitektur. Anfang der Neunziger wurden nahezu alle Villen aufwendig restauriert, stehen heute prachtvoll in Reih und Glied und warten auf Besucher. Jetzt im November ist hier zwar nicht allzu viel los, aber immerhin hat eine Hütte mit leckeren Fischbrötchen geöffnet. Schmeckt fantastisch und macht Appetit auf unser Abendessen. Davor trinken wir noch einen schnellen Cocktail und schlagen uns dann beim Mexikaner um die Ecke die Leiber voll.
Zurück im Hotel machen wir noch Gebrauch der Sauna und des Dampfbades und fallen dann auch schon zu Bett. Morgen möchte ich etwas weniger Rentnern und habe da auch schon einen Plan.

spätsommerausflug

Heute hole ich meinen Kadett aus der Werkstatt – vor ein paar Tagen nämlich haben ein paar Missetäter sich an meinem Auto zu Schaffen gemacht. Zwei eingeschlagene Scheiben, beide Spiegel weggetreten und die Kennzeichen haben sie mir auch abgerissen. Die Heckscheibe wurde fix erneuert, Spiegel habe ich noch jede Menge herumliegen und statt einer neuen Seitenscheibe gab es eine komplette Tür aus dem Fundus von Herrn O. Die holte ich vorgestern bei ihm zu Hause und wie üblich war noch ein bisschen Zeit für einen Plausch. Wie sich herausstellte hatten wir uns locker zwei Jahre nicht gesehen. Die Zeit rennt.

Jetzt wo der Kadett wieder dasteht wie neu machen wir uns direkt auf den Weg zu einer kleinen Ausflugswoche. Die J. hat einen Termin in Berlin und ich hab noch ein wenig Handelsgut für Herrn S. im Kofferraum. Am Abend kommen wir südlich von Berlin an und beziehen direkt unser Hotel – genug für heute.
Wie der neue Tag erwacht begleite ich eben Frau J. zu ihrem Termin und fahre dann zu Herrn S. – der erwartet mich bereits und zusammen lümmeln wir herum, bespaßen seinen Hund und begleiten anschließend noch Herrn B. – der möchte seinen Benziner gegen einen alten Diesel eintauschen. Angesichts der jüngsten Geschehnissen ein guter Plan.

Irgendwann trennen wir uns dann und ich fahre noch eben in die Sonnenallee und sehe mir die Tankstellenruine an. Seit 1938 befand sich hier eine Tankstelle und blieb bis in die Neunzigerjahre bestehen, bis der Betrieb schließlich eingestellt und wurde und das Gebäude bis heute so vor sich hinvegetiert. Anschließend hole ich die J. ab und gemeinsam stehen wir im Stau – nichts wie weg aus diesem schäbigen Berlin. Unser nächstes Ziel liegt nun ein paar Autobahnstunden entfernt und führt uns nach Nordosten. Ein paar Stunden später stehen wir in der berühmten Wilhelmstraße am Ostseebad Sellin auf Rügen. Unser Hotel liegt hier direkt am Kopfe der Straße mit Blick auf die Ostsee und die Seebrücke.

messeiwahn in marxzell

Mein nächstes Ziel bringt mich nach Marxzell bei Karlsruhe. Hier gibt es seit 1968 das Fahrzeugmuseum Marxzell – ein privates Verkehrs- und Technikmuseum mit fast 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Schon bei meiner Ankunft staune ich nicht schlecht. Rund um das ehemalige Sägewerk wo das Museum untergebracht ist, stehen sich Lokomotiven, Straßenbahnen und diverse Autos die Füße platt. Alles wirkt ein wenig unaufgeräumt und sich selbst überlassen. Genau so wie es mir gefällt.

Im Jahr 1958 begann Bernhard Reichert ein Fahrzeugmuseum aufzuziehen und landete damit schließlich 1968 in Marxzell – der inzwischen verstorbene Sammler weiß das Museum aber in guten Händen und so kümmert sich seine Familie bis heute darum. Ständig kommen neue Exemplare dazu und es wird eifrig gewerkelt.
Im Außenbereich finde ich sogar tatsächlich einen Waggon der Bergbahn aus Karlsruhe-Durlach. Erst vor Kurzem sind wir mit der neuen gefahren und die alte hat wohl hier ihre letzte Ruhe gefunden. Schon etwas zugewuchert und vereinsamt steht sie nun neben allerlei anderen Krempel.

Im Museum selbst haut es einen beinahe aus den Latschen. Ausnahmslos alles ist vollgestopft bis in die letzte Ritze. Neben ca. 140 Autos gibt es unzählige Zweiräder, Traktoren und alles, das irgendwie alt und nett anzusehen ist. Reizüberflutung wird hier neu definiert. Die Exponate sind anders wie in vielen anderen Museen auch nicht hochglanzpoliert und kaputtrestauriert, sondern oftmals reparaturbedürftig und schön patiniert. Auch lassen sich sehr viele ungewöhnliche Fahrzeuge entdecken und das Herumirren macht eine Menge Spaß.
Wie ich mich irgendwann dann doch sattgesehen habe, suche ich das Weite und fahre nach Hause.



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